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Interview mit Jadranka Kardun vom 24.02.04

Atem ist eine Möglichkeit an den Urzustand des Menschen, an seine innerste Natur heranzukommen.

Was ist der Tiefatem?

Ich beginne mit einem Fallbeispiel: Heute behandelte ich eine Frau bei der ich das Gefühl hatte, dass sie in ihrem gehaltenen Zustand Wehre aufgebaut hatte. Der Fluss des Lebens, der Lebensfluss floss innerlich nicht und durch die Schwierigkeiten, die sie hatte, baute sie Blockaden auf. Und ich habe immer darauf gehorcht, dass ich den Tiefatem, das darunter liegende, unter der Blockade liegende, spüre, um ihrem Selbst Informationen des Tiefatems zu geben. Und anhand dieser Informationen fing sie an sich zu lösen.

Die Menschen bauen sehr viele Blockaden und Spannungen auf im Alltag. Kann man sagen, dass deine Arbeit darin besteht diese zu lösen?

Durch den Kontakt der Hände und durch das Anfassen kann man ein Bewusstsein von seinem ureigensten entspannten Zustand bekommen. Dieser liegt ja immer unter der Spannung. Und der Atem ist das, was sich so tief nach innen verzieht, ich nenne das den Tiefatem. Dieser zieht sich ganz weit nach innen zurück, man sperrt ihn in seinem eigenen Egoismus ein. Und dann kommt eine Hand und die ist ganz ruhig und erinnert dich, dass alles in Ordnung ist im Leben und dann dehnt sich der innere Tiefatem unter der Ruhe der Hand aus.

Auch mit der Stimme kannst du das Innerste des Menschen erreichen, das ist auch wie der Tiefatem. Wenn du die Resonanz des inneren Selbst, wo der Mensch die Ruhe hat, ansprichst, ob in der Stimme oder in der Handberührung oder in einer wahrhaften Gefühlsempfindung, kommst du immer an die Ursubstanz des Menschsein, ob du das mit der Hand machst, oder mit der Bewegung oder mit der Sprache, das sind nur verschiedene Herangehensebenen. Wenn ich den Sitzkreis mache, versuche ich mit der Stimme und wenn ich die Behandlung mache, versuche ich mit der Hand, an den Urzustand des Menschen zu kommen. Dahin, wo der Mensch seine eigene Natur in sich selbst erlebt, seine Natürlichkeit.

Heute hatte ich ein Bild bei der Frau: ich hatte das Gefühl, sie vertraute ihrer eigenen Natur nicht mehr, sie hatte einen Riesenpanzer aufgebaut, innerliche Dämme, das tat ihr richtig weh beim Loslassen. Sie hat aufgeschrien, obwohl das nur meine Hand war, nur die Berührung der Hand, die auf sie erlösend wirkte.

Wie würdest du den Tiefatem mit deinen Worten definieren?

Tiefatem ist der Atem, der der ureigensten Natur entspricht, der frei ist von jedem Egoismus. Der frei ist von jeder Begrenzung, wo die Zellen schon atmen, wo der Rhythmus der ganzen Schöpfung atmet, wo der Mensch ein Teil der Schöpfung ist.

Der Atem fängt alles auf, jede Angst, jede Euphorie, der Atem reagiert eigentlich auf alles und er reagiert immer. Der Atem ist dem Leben gleichzusetzen. Ein Mensch, der wirklich atmet, lebt, bis ins tiefste seiner Zellen, bis ins Innerste. Wir manipulieren unseren Atem ständig. Ich vergleiche das mit dem Bild der Natur: Du kannst einen Körper, der seiner Natur entspricht, der seinen eigenen Fluss hat, begradigen und Kanäle bilden. Du kannst nur noch auf einer Seite atmen oder nur noch durch ein Nasenloch oder den Brustkorb aufblasen oder nur noch den Kurzatem haben, indem du die Schultern hochziehst. Du kannst den Atem im Grunde genommen für Gebrauchsschichten kanalisieren und er ist dann nicht mehr lebendig, er wird nur noch benutzt für ein Kommunizieren, was nicht mehr unserem wirklichen Leben entspricht.

Und was macht deine Arbeit?

Meine Arbeit wirkt heilend auf den Atem, indem sie auf den tiefen, natürlichen Atem aufmerksam macht. Ich lenke die Hand, wenn ich anfasse oder ich lenke die Aufmerksamkeit, wenn ich spreche, immer auf die Punkte, deren Aufmerksamkeit sich meine KlientInnen entzogen haben. Und der Körper reagiert automatisch und ist ganz dankbar, wenn er merkt jemand berührt ihn von aussen, denn der Körper erkennnt seine Urheilung. Und er füllt sich wieder so auf, dass er gesundet und heilt.

Das erste was man tut, wenn man auf die Welt kommt, ist atmen. Und das Leben hört mit dem Atmen auf. Und dazwischen vergisst man das Atmen oder macht es sich nicht bewusst.

Im Atmen zeigt sich eigentlich, wer ich als Mensch bin. Es gibt ein wunderbares Bild von Anonymus: Er spricht vom vertikalen und horizontalen Atmen. Es gibt den vertikalen Atem, wo ich mit Gott angebunden bin, sowohl im Himmel und in der Erde und es gibt den horizontalen Weltenatem. Wenn ich geboren werde komme ich und wenn ich sterbe, gehe ich in diesen vertikalen Atem, Und je nachdem wie ich gelebt habe, gibt es im Todesmoment einen Krampf, d.h. der Sterbende wird zurückgerückt in den vertikalen Atem. Wenn du dein Leben sehr im Egoismus und festgehalten gelebt hast, ist dieser Übergang fast schmerzhaft. Menschen, die sich im Leben auf diesen Übergang vorbereitet haben, kriegen diesen Übergang in die vertikale Atmung fast in Frieden. Dementsprechend ist es ganz wichtig, dass wir im Leben erlösend auf uns einwirken. Dass wir erlösend auf die im Leben angesammelten Blockaden wirken. Wenn man an Reinkarnation und Karma glaubt, dann merkt man, dass viele Behaftungen noch älter sind als das, was man im jetzigen Leben hat. Und wenn man anfängt an sich selbst zu arbeiten, sind diese Erlösungen tiefgreifender als das, was man im ersten Moment denkt.

Und wenn du die Hand auflegst, wie machst du das? Was machst du da?

Ich lege die Hand unterschiedlich auf. Ich habe festgestellt, dass ich mit der Hand höre, wer da liegt. Es gibt fast eine Symbiose zwischen dem Menschen, der da liegt und mir. Und dann fühle ich z.B. den Körper, der da liegt, wie eine Feder. Heute zum Beispiel bei der Frau, da umfasste ich die Füsse, so als wären sie Federn, weil ich keinen Druck ausüben durfte, die Füsse haben auf nichts anderes reagiert. Letzte Woche behandelte ich einen Mann da stemmte ich mich auf ihn, weil ich nicht anders an seinen Tiefatem kam. Da war so eine Blockade, dass ich mit unglaublicher Kraft drücken musste, um mit seinem Tiefatem in Kontakt zu kommen. Das ist sehr unterschiedlich. Ich komme in ein Gespräch mit dem Körper, den ich behandle und dem Atem und meiner Hand und meinem Atem und meiner Empfindung und Wahrnehmung. Und mein Ziel ist es, Spannungen zu lösen.

Hast du ein Schema im Kopf, was du der Reihe nach anfasst?

Nein, es gibt ein Gerüst, ein Arbeitsgerüst, das lernt man in der Ausbildung, das ist wichtig, aber man verlässt das Gerüst dann im Gespräch. Man hat einen lebendigen Körper da vor sich liegen und keine Maschine. Wenn z.B. jemand Herzenskummer hat, das merkt man, wenn man die Hand drauf legt , bleibe ich manchmal eine Viertelstunde nur auf dem Herzen mit der Hand. Das kann man machen, wenn man merkt der Körper hat da viel Bedarf an Aufmerksamkeit und an anderer Stelle muss man gar nicht so lange bleiben. Da muss man nur kurz anfassen und es füllt sich wie von allein mit Weite und Raum und Lebendigkeit. Und an anderen Stellen fasst du an und dann denkst du das ist taub.


Würdest du sagen Weite, Raum und Lebendigkeit sind Ausdruck für Tiefenatem?

Ja.

Die Hand spürt ziemlich schnell, wenn sie sehr aufmerksam ist, was der Atem für ein Problem hat, was der Körper für ein Problem hat und dementsprechend reagiere ich. Es gibt kein festes Schema, das feste Schema benutzt man nur am Anfang, während man in der Ausbildung ist. Irgendwann verlässt man das Schema, manchmal kehrt man zurück, aber im grossen und ganzen nimmt man nur das Gerüst als Handwerk, man nimmt die Hände als Handwerk und jeder hat seinen eigenen Ablauf, wie er behandelt.


Und sprichst du mit den Menschen, die du behandelst?

Ja, nach der Behandlung. Obwohl ich die Arbeit an sich, schon genug finde. Eine Frau, die ich behandelte, war vorher beim Psychotherapeuten und sie war ganz begeistert von dem Gespräch. Als ich sie behandeltem, merkte ich, dass der Körper das Gespräch nicht in sich aufgenommen hatte. Die Behandlung direkt danach, war eine phantastische Ergänzung. Dadurch konnte sich das Gespräch in den Körper hineinsetzen. Dann war der Körper offen dafür, das aufzunehmen, was im Gespräch vorher war. Ich spreche nach der Behandlung nur an, was ich wahrgenommen habe. Ich kriege z.B. mit, dass ich kaum an jemand herankomme und weiss es liegt am Alkoholkonsum oder am Suchtverhalten. Ich kriege mit, wie stark ein Mensch mich an sich heranlässt oder wie stark ein Mensch schon eine Struktur lebt, die nicht mehr seine eigene ist.

Was bekommst du für Reaktionen auf deine Arbeit?

Neulich sagte eine Frau nachdem ich sie behandelt hatte:
So was wunderbares, so was wunderbares, ihr fielen gar keine anderen Worte mehr ein. Ich fragte sie, was denn war und sie sagte: ich weiss nicht, ich war so tief weg.
Die Arbeit fördert die Selbstliebe, durch dieses liebevolle berührt werden auf eine Art, die eigentlich sehr beruhigend ist, noch mehr als beruhigend. Manchmal habe ich das Gefühl als würde ich die Seele streicheln. Mich selbst hat die Arbeit von meiner Bedürftigkeit erlöst, auf eine so angenehme Art angefasst zu werden. Ich hatte immer das Gefühl, ich habe davon nicht genug und das hat die Arbeit erlöst, sehr stark erlöst. Früher hatte ich immer einen Mangel an liebevoller Berührung.

Das nächste Thema ist die Gruppenarbeit! Beschreibe bitte, was du in der Gruppe machst. Vorhin sagtest du, du sprichst bei den Gruppen und fasst nicht an.

In den Gruppen geht es grundsätzlich um drei Positionen: Sitzen, Stehen und Liegen. Ab und zu variiere ich, ab und zu mal kommen ein paar kleine Dehnungen zustande, weil ich Yoga gemacht habe, aber in erster Linie ist es ein meditatives in sich hinein hören, den Atem hören und empfinden. Und beim Stehen geht es darum, in ein würdevolles aufrechtes Stehen zu kommen. An sich ist das im Körper enthalten als Grundinformation und in der Achtsamkeit und der inneren Wahrnehmung werden die Wachstumskräfte aktiviert. Man steht vollkommen aufrecht und würdevoll. Beim Sitzen ist es ähnlich, wir sitzen auf Hockern ohne Rückenlehne und es geht darum, dass man ein aufrechtes in sich Ruhen erleben kann. Das soll nicht wollend und nicht gezwungen sein, sondern das ist etwas, was man als Urinformation in sich trägt.

Und was machst du?

Ich leite das mit meiner Stimme an, in dem ich anrege und aufmerksam mache darauf, wie es denn ist wenn man würdevoll sitzt oder steht.

Ich habe das Gefühl, dass jeder Mensch in sich selbst ein ganz tiefes Geheimnis hat und zwar den aufrechten Menschen. Und seine eigene Handlungstat ist es, den Weg zu gehen und diesen inneren Menschen zu suchen. Und in der Stille, in einem stillen wahrnehmbare Stehen, wo ich merke, dass die Erde mich trägt, wird dieser Mensch erweckt, oder steht er aus sich heraus auf. Und beim Sitzen ist es auch drin, das gekrümmte und verzogene Sitzen, das sind alles Zustände und Abweichungen, Trennungen von dem, was man im tiefsten Inneren an Aufrichtekräften hat. Und diese Aufrichtekräfte schlummern in jedem Menschen und man muss sie nur wecken. Und das Wecken ist eine Arbeit die geht nur in tiefster Geduld und in tiefster Ruhe, denn das was tief im Inneren in einem schlummert bedarf einer Schau einwärts durch die Hindernisse der eigenen Hemmnisse hindurch. Und diese sollen auf dem Weg ins Innere bearbeitet werden und dann ist es wie ein Wasserstrahl, der in der Mitte nach oben schiesst, und plötzlich sitzt man ganz aufrecht und wundert sich wie leicht das geht. Nur dieser Weg einwärts ist eine Entscheidung, die man tatsächlich für sich fällen muss und ich helfe dadurch, dass ich Erinnerungen schaffe oder Aha-Erlebnisse an diese innere Aufrichte. Und beim Liegen kommt noch dazu, dass die ganze Fläche des Körpers auf dem Boden liegt, und da ist es noch viel deutlicher, dieses sich ganz und gar Loslassen und sich vollkommen, bis in die innersten Organe hinein, von der Erde tragen zu lassen. Das ist schwerer als man denkt.

Unser Körper gehört zur Erde, dadurch dass wir laufen können und nicht wie die Pflanzen verwurzelt sind mit der Erde, vergessen wir, dass wir ein Teil der Erde sind. Und in der stillen Wahrnehmung ist es so, dass wir eine Wurzelkraft haben und in der Wurzelkraft lebt die gesamte Energie und die ganze Kraft des Menschseins. Der Mensch bekommt, in dem Moment indem er die Erdverbundenheit hat, Kraft aus der Erde. Und diese Kraft versuche ich zu wecken. Die schlummernden Wurzelkräfte, die schlummernden Aufrichtekräfte, das ist alles in einem selbst vorhanden und schläft. Durch diese Kräfte kann man langsam anfangen sich zu erlösen. Allerdings langsam, sonst würde man das nicht ertragen. Die Erlösung kommt gemeinsam mit dem Bewusstsein, das ist wichtig, damit man auch erlebt und erkennt, dass man sich öffnen kann.

Im Liegen sage ich an, dass man sich tragen lässt von der guten Mutter Erde. Wir unterschätzen die Tragekraft der guten Mutter Erde. Im Moment rüttelt sie gerade und es gibt Erdbeben. Sie ist böse und sagt Bescheid, dass es sie gibt. Sie signalisiert, dass sie kein totes, Geschöpf ist und wir sie als ein lebendiges Geschöpf wahrnehmen. Die Mythologie hat immer diese Symbole. Z.B. in Chatre (Kathedrale bei Paris), da gibt es eine Madonna, die aufrecht sitzt, wie die Göttin Isis. Sie ist ein Symbol der Mutter Erde und gleichzeitig ein Symbol für den Menschen, der eins ist mit der Mutter Erde. Und das Symbol Christus, des neugeborenen Lebens. Die Erde hat den Menschen immer viele Symbole hinterlassen hat, die man nutzen darf und kann, um Hilfestellungen zu haben. Die Symbolkräfte sind vorhanden. Ich habe manchmal das Gefühl, dass meine Reden, wenn ich die Stunden anleite, eigentlich nur Erinnerungen sind, um das zu wecken, was sowieso vorhanden ist. Was in jedem Menschen schlummert. Das ist beim Sitzen und beim Stehen, das Empfinden der inneren Stille und zwar bis in die tiefste Zelle, das ist eigentlich der Urzustand, das Nirvana.

Und würdest du sagen, das ist der Schwerpunkt deiner Gruppenarbeit?

Die Suche nach der Ruhe, nach der innersten Ruhe.

Und was hat das mit dem Tiefenatem zu tun?

Da wohnt er!

Wir kommen noch dahinter, was Tiefatem ist!

Ich glaube Tiefatem ist auch der impulsierende Weltenrythmus. Alles macht weit und schmal. Man holt Luft und drückt sie raus. Das ganze Lebendige hat diesen Rhythmus. Die Bewegung des Meeres ist der Atem der Erde. Das Meer hat eine Ausdehnung und ein schmal Werden. Zwar nach einem anderen Rhythmus wie beim Menschen, nach den Gezeiten, nach den Mondphasen, aber der Rhythmus an sich ist: Weit und Schmal. Es gibt mehrere Rythmen, die nebeneinander vorhanden sind.

Die Verbindung mit der Erde auf dem Hocker mit Hilfe des Steissbeins, da ist eine Verbindung der Rythmen, oder?

Diese kann man auch ohne Hocker kriegen, wenn man auf der Erde sitzt. Der Hocker ist eine Pufferzone, durch die wir uns der Erde entheben. Die Würde des Königstums in sich selbst, das ist eine andere Stufe und da braucht man eine stärkeren Aufmerksamkeit zu hocken, als wenn du tiefer unten sitzt. Du kannst dich viel mehr im irdischen Raum aufhalten, das ist elementarer als das Sitzen auf der Erde. Und wo der Mensch sich zur Persönlichkeit entfaltet ist im Hocker viel stärker da als im Fersensitz. Das Sitzen auf dem Hocker ist der meditative Königsweg, der Fersenstiz ist der meditative Weg zur elementaren, irdischen Welt. Dieser ist viel erdverbundener. Ich würde jetzt nicht sagen, dass man den Fersensitz ganz weglassen soll. Durch ihn dehnst du die Oberschenkel.

 

 

Interview mit Jadranka Kardum am 15.03.04

Beim Eintauchen in die Langsamkeit erreichst du einen anderen Raum im Menschen. Wir machen auch Bewegungen, aber wir suchen die Bewegungen eine Phase tiefer, eigentlich, wo der Mensch im Ruhezustand ist. Wir machen keine Massage.

Wem hilft die Atemtherapie?

Wir leben unser Leben und so, wie wir leben, atmen wir. Und die Atemtherapie befreit von Zuständen und hilft einem eigentlich lebendig durchzuatmen. Die Atemtherapie hilft bei vielem: bei Migräne, Menstruationsbeschwerden, Kopfschmerzen, Asthma, Verdauungsprobleme, Rückenschmerzen, Stress, Angst, Depressionen, Ich habe auch schon Begleitung bei Krebskrankheiten gemacht. Das war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich behandelte eine Frau, die Krebs hatte, eine Woche morgens und abends und es passiete eine wahnsinnige Veränderung bei ihr. Ich behandle immer wieder Menschen mit Gehörstürzen und viele kommen bei Beziehungsproblemen zu mir.

Für wen ist Atemtherapie gut?

Eigentlich für alle, aber besonders bei speziellen Problemen.

Durch die Arbeit lerne ich die Menschen auf einer anderen Ebene kennen. Das ist das Leben, es bewegt sich was.

Ich würde jetzt gerne etwas über deine Ausbildungsgruppen wissen. Was ist der Inhalt der Ausbildungsgruppe?

Wir brauchen immer jeweils zwei, eine die behandelt wird und eine die behandelt. Zur Zeit sind 6 Personen in einer Ausbildungsgruppe. Ich habe drei Behandlungsliegen und es können immer zwei an einer Liege arbeiten.

Das erste was man lernt ist die Hand aufzulegen. Ich muss in mir ruhen und für dieses „in mir ruhen“, bedarf es einer guten ruhenden sitzenden Position. Wenn du gut auf dem Hocker sitzt und die Hand gut liegt, wenn die Hand Kontakt hat, gibt es immer eine Rückkopplung: Je besser ich sitze umso konzentrierter und deutlicher kann ich anfassen. Und umso mehr kann ich empfinden und fühlen was bei dem Körper vor mir ist. Das ist immer die Grundvoraussetzung.
Wenn man kaum sitzen kann, ist man mit den eigenen Problemen beschäftigt. Dann muss man dieses in sich ruhende Sitzen und dieses ganz hochkonzentrierte bei der zu behandelnden Person Sein üben. Die Hände erleben und gehen in Kontakt mit dem Atem und es entsteht eine Beziehung durch das Anfassen. Da erlebe ich die Person die liegt, ich erlebe, was mit der Person ist und dementsprechend unterstütze ich sie, indem ich ihr Ruhe gebe. Das ist einer der wesentlichsten Punkte: Gelassen bleiben, egal welche Spannung ich unter den Händen erlebe. Das ist eigentlich wie ein Selbstfindungsprozess: ich bleibe ruhig, egal welche Verspannung da auf der anderen Seite ist und das Behandeln verändert einen selbst. Weil man durch das Behandeln, Erkenntnis von sich selbst erfährt; Z.B. wie stark man Geben kann, wie stark man heilenden Einfluss nehmen kann auf die Person, die behandelt wird. Und je mehr ich gütig und aufmerksam und sehr liebevoll mit Verspannungen umgehe, mit dem was ich da mit der Hand begegne, um so erfolgreicher ist die Behandlung.

Und in der Ausbildungsgruppe?

In der Ausbildungsgruppe lernt man dieses ruhige in sich Sitzen und dass die Hand bleibt und erstmal selber nichts will, ausser dass sie gütig ist und Informationen der Ruhe weitergibt. Die Hand gibt Unterstützung bei bestimmten Atemausdehnungen. Beim Einatem gibt sie die Unterstützung des leer Werdens. Am Anfang lernt man eine vollkommen ruhige Hand. Und um Einfluss nehmen zu können, muss man schon eine Entwicklung haben.

Und was machst du in der Ausbildungsgruppe?

Ich sitze da, betrachte, beobachte und gebe Unterstützungen, ich mache aufmerksam, wenn jemand abgelenkt ist, oder mit den Gedanken nicht bei der Behandlung ist, oder wenn jemand eine falsche Sitzhaltung hat. Ich mache darauf aufmerksam, wenn jemand zu stark Einfluss nimmt, wenn das mit der Behandlung nichts zu tun hat. Ich versuche immer eine aufmerksame Beobachterin zu sein, ich achte darauf, ob die SchülerInnen tatsächlich konzentriert dabei sind. Ich leite am Anfang die Griffe an, wie man zu fassen hat. Ich bringe das sogenannte Gerüst bei. Dieses wird nur am Anfang benutzt, wenn man die eigene Sicherheit des Anfassens erreicht hat, dann kann man fassen, wie man möchte. Wenn man merkt jemand hat zu wenig Bauchatmung, dann kann man da anfangen. Oder man übt Druck aus, wenn der Brustkorb zu stark ausgedehnt ist und so weiter.

Eigentlich ist das Wichtigste die Hand, wie hat die Hand zu fassen, was ist die Aufgabe der Hand.

Und deine Schülerinnen was lernen die bei der Ausbildungsgruppe?

Aufmerksamkeit! Das Atemgerüst und die Atembehandlung ist ein tiefes und sehr intimes Gespräch und sie lernen dieses Gespräch zu führen. Ziel ist ein tiefsinniges, nicht oberflächliches Gespräch zu führen. Mit der Hand.

Die Arbeit ist eine Form von Nächstenliebe, so merkwürdig das klingt. Es gehört Liebe zu sich selbst, zu einer in einem selbst wohnenden lebenden Person, die tatsächlich heilend helfend sein kann. Und den Wert entdecken in sich selbst und für sich selbst, dass man das gerne möchte und, dass man wirklich helfend sein kann. Und in dem Moment, wo ich helfend bin, kriege ich ja gleich etwas wieder. Der Körper ist ganz dankbar, der freut sich, wenn du auf einer guten Ebene bist, man könnte es zusammenfassen im Begriff der Nächstenliebe im wahrsten Sinne des Wortes. Und dazu gehört Ruhe und Stille. Was der Mensch seit Jahrhunderten sucht und gerade in dieser Arbeit kann man das kennenlernen und erfahren. Ebenso dieses sich selbst auszuhalten. Das ist eines der schwierigsten Phänomene. Man merkt immer, dass die Welt wie ein Sog ist und einen mitreisst, in Ängste und Zustände. Und nicht immer auf den ersten fahrenden Zug oder das erste Gefühl aufzuspringen, sondern Gelassenheit zu bewahren und dann aus einer Ruhe heraus zu reagieren, das lernt man bei den Behandlungen. Und das überträgt sich auf das Leben. Früher beim Yoga war das bei weitem nicht so, da hat sich an meinem Seelenleben oder an meiner Psyche wenig verwandelt. Aber die Atemarbeit verwandelt. So sukzessiv, ganz unsichtbar, aber sie verwandelt. Und das ist eigentlich ein ganz schöner Prozess, dem man sehen und tatsächlich erleben kann. Vorausgesetzt man lässt sich darauf ein. Man kann alles machen, ohne sich darauf einzulassen, aber wenn man sich darauf einlässt, dann geschieht es, fast unmerklich. Es geschieht sehr langsam, aber es geschieht.

Wie wirkt sich die Atemarbeit deiner Meinung nach, auf die Lebensenergie aus?

Sie weckt sie. Es schlummert unheimlich viel in uns, ich habe immer das Gefühl, wir sind eigentlich voll von Kraft und Leben und das deckeln wir. Wir haben viele Ängste und diese liegen auf dem Lebendigen und dadurch leben wir das Leben nicht. Ich finde in der Atemarbeit wird durch eine ganz sanfte Art, Stück für Stück, Leben geschenkt. Und man kriegt eine Ahnung vom Urgrund des Seins. Und man erfährt, dass das Geheimnis was man findet, in einem selbst schlummert. Man braucht gar nicht so viel aussen zu suchen, eigentlich ist es in jedem Menschen vorhanden.

Neulich hatte ich während der Behandlung eines Mannes, das Bild, dass der Mann eine Maske auf dem Gesicht trug. Und er hatte Schmerzen bei der Behandlung, liess sich aber auf die Behandlung ein. Und erzählte, dass er den ganzen Tag durch die Stadt die gelaufen ist, wie auf Droge und es taten ihm ein paar Flächen im Gesicht weh, so richtig tief. Eer hat sich richtig tief hineinfallen lassen. Ich warte immer, bis die Bereitschaft da ist. Und seit dieser Behandlung ist bei ihm ganz viel passiert. Ich behandelte ihn schon eine ganze Weile, aber das war ganz ausschlaggebend. Und er wusste gar nicht, dass er eine Maske trug. Wir haben ja alle unsere Masken, oder unseren Schutz.

Und was ich ganz schön finde, ist dass es eine sanfte Arbeit ist, dass man die Zeit hat zu entscheiden. Wie bei dem Mann. Ich behandelte ihn lange und es ging ihm ganz gut. Und dann kam der Tag, an dem er bereit war noch tiefer einzutauchen, und dann kann man das machen. Wenn man das nicht möchte, dann zwingt einen niemand ein Stückchen einzutauchen dahin, wo man noch nicht bereit ist einzutauchen. Das ist eigentlich das Schönste, eigentlich ist das fast wie eine Psychotherapie, die auf einer körperlichen Ebene erfolgt.
Oder bei einer Frau, die einen Hörsturz hatte und die sagt, die Geräusche sind weg, die kommen zwar immer mal wieder, aber sie sind zwischendurch weg. Am Anfang hat sie das gar nicht gemerkt, dass das mit der Atemarbeit zusammen hängt, aber jetzt merkt sie es.

Der Atem ist ein Eintritt in die Welt und auch der Austritt aus der Welt, also man tritt in das Weltliche und atmet in dem Moment und der letzte Atemzug ist der Heraustritt aus der Welt und in dieser Verbindung zwischen Geburt und Tod hat man die Entscheidungsmöglichkeit wie man atmet. Das ist wie ein roter Faden, der sich durch das Leben zieht, und man sich kann einem falschen, einem rosaroten Faden durchs Leben hangeln. Wenn man sich wirklich an den Atem halten würde, wäre er eigentlich der beste Lehrmeister, den es auf Erden gibt. Wenn man tatsächlich auf ihn horchen würde. Diese Beobachtungen, den Atem wahrzunehmen, zu beobachten, wie der auf vieles im Leben reagiert. Es gibt ja z.B. den Ausdruck: ich kann den- oder diejenige nicht riechen, und das hat etwas mit dem Atem zu tun.

Die meisten Menschen nehmen den Atem nicht wahr, man kommt in die Welt, atmet ein und nimmt ihn nicht mehr bewusst wahr. Und schlimm wird es im Moment des Todes, denn man geht so aus dem Leben hinaus, wie man gelebt hat, das wird dann hart, wie so ein Abriss. Im Tod kannst du ganz ruhig hinübergehen mit einem guten Ausatem, oder es ist wie ein Abreissen, das für viele Menschen richtig katastrophal wird. Sie hatten den Atem nicht als Freund im Leben. Hat man den, dann ist der Abgang leichter. Man erinnert sich an den Atem gerade beim Tode und bei der Geburt, weil er das Eintrittstor in das Weltliche ist und man vergisst ihn ganz schnell und das ist sehr schade.

Man braucht gar nicht draussen zu suchen, es ist alles in einem selber drin.

Die Interviews führte Jenka Bühler